Mendrisio (TI)
34 Gemeinden wollten den Grossversuch
Als das Bundesamt für Energiewirtschaft (BEW) im Februar
1994 einen öffentlichen Wettbewerb ausschrieb, um eine Mustergemeinde
für LEM zu finden, erkannten die Behörden von Mendrisio
eine grosse Chance sowohl für eine ökologische Mobilität
als auch für die regionale Wirtschaft. Neben Mendrisio bewarben
sich 33 weitere Gemeinden aus allen Landesteilen als LEM-Versuchsgemeinde.
Im Mai 1994 lud das BEW die Gemeinden Langenthal, Mendrisio, Monthey,
Morges und Wil SG ein, ein Detailkonzept auszuarbeiten. Als Höhepunkt
organisierte jede dieser fünf Gemeinden ein LEM-Weekend,
eine Ausstellung mit Probefahrten. In Mendrisio hat dieser Anlass
seither unter dem Namen ExpoVEL einen festen Platz im Veranstaltungskalender.
Breit abgestützte Bewerbung von Mendrisio
Mendrisio überzeugte mit einem sehr konkreten und verbindlichen
Detailkonzept. Und der Tessiner Gemeinde war es nach Auffassung
des BEW am besten gelungen, das Projekt politisch und wirtschaftlich
breit zu verankern. Alle 21 Gemeinderäte des Mendrisiotto
waren Mitglieder des Patronates, und auch der Kanton machte sich
für das Projekt stark. Nachdem die Fahrzeugbeiträge
des Bundes von 30 auf 27 Prozent gekürzt worden waren, erhöhte
der Kanton Tessin seinen Anteil spontan von 10 auf 13 Prozent.
Auch die Wirtschaft unterstützte den Grossversuch bereits
in der Konzeptphase. Das Garagengewerbe spielte von Anfang an
eine zentrale Rolle, die kantonalen ACS und TCS-Sektionen befürworteten
den Versuch. Zahlreiche Unternehmen und Private gaben zudem Absichtserklärungen
für den Kauf eines Versuchsfahrzeuges ab.
Originelle Ideen
Für Mendrisio als Versuchsgemeinde sprachen auch das detaillierte
Budget und die vielen im Konzept vorgeschlagenen kurzfristig realisierbaren
Fördermassnahmen. Die Gemeinde entwickelte dabei auch originelle
Ideen, so etwa die doppelte maximale Parkierungsdauer für
LEM auf öffentlichen Parkplätzen (neben weiteren infrastrukturellen
Massnahmen), oder der 30prozentige Rabatt der örtlichen Autovermietungsfirma
auf herkömmliche Autos für die Versuchsteilnehmer.
Mendrisio Pilotgemeinde für LEM
Ende 1994 hat das Bundesamt für Energiewirtschaft die Tessiner
Gemeinde Mendrisio als Pilotgemeinde für einen Grossversuch
mit Leicht-Elektromobilen (LEM) ausgewählt. Mendrisio ist
Hauptort des Bezirks Mendrisiotto, zählt 6500 Einwohner und
ebensoviel Arbeitsplätze.
350 LEM bis Mitte 2001
Während sechs Jahren werden LEM in Mendrisio mit Fahrzeugbeiträgen
und anderen Fördermassnahmen unterstützt. Das operative
Ziel liegt bei 350 LEM bis Mitte 2001, das entspricht ca. 8% des
Personenwagenbestandes von Mendrisio. Ein Anteil von 8% am (gesamtschweizerischen)
Personenwagenbestand ist auch das Ziel des Pilot- und Demonstrationsprogramms
«Leichtmobile»; hier liegt der Zeithorizont allerdings
beim Jahr 2010.
P+D-Projekt
Der Grossversuch mit LEM in Mendrisio ist ein sogenanntes Pilot-
und Demonstrationsprojekt (P+D), das die Markteinführung
einer erprobten Technologie (LEM) unterstützen soll. Der
Demonstrationseffekt umfasst drei Punkte:
- Den sinnvollen Einsatz von LEM im Alltag;
- LEM als Element eines zukunftsorientierten, umweltschonenden
Mobilitätskonzeptes;
- Fördermassnahmen zur Unterstützung der Markteinführung
von LEM in Mendrisio(ausserordentliche Massnahmen) und später
landesweit (ordentliche Massnahmen).
Fahrzeugstatistik
Bis Ende Juni 1997, nach einem Drittel der Versuchszeit, wurden
in Mendrisio 82 LEM verkauft. Rund die Hälfte davon (32)
werden privat, die anderen betrieblich genutzt. Wenn es gelingt,
die bisherigen Erfahrungen im Marketing umzusetzen, ist das operative
Ziel von 350 LEM bis ins Jahr 2001 nach wie vor realistisch. Eine
weitere Bedingung ist allerdings auch eine günstige Entwicklung
der äusseren Rahmenbedingungen (Wirtschaftslage, LEM-Kosten
usw.).
Fahrleistungen und Verbrauch
Insgesamt haben die auf den Strassen von Mendrisio verkehrenden
LEM in den bisherigen zwei Versuchsjahren 370000 km zurückgelegt,
im Durchschnitt 470 km pro Monat. Der spezifische Energieverbrauch
beträgt 24,2 kWh/100 km. Seine ausgeprägte Abhängigkeit
von der Fahrleistung, je geringer die Fahrleistung, desto höher
der spezifische Verbrauch) ist neben den Standverlusten vor allem
auf Schwachstellen im Batteriemanagement einzelner Fahrzeugtypen
zurückzuführen.
Fördermassnahmen
Erwartungsgemäss steht die Subventionierung des Anschaffungspreises
im Zentrum der Fördermassnahmen. Sie ist eine unabdingbare
Voraussetzung für das Gelingen des Grossversuchs. Weitere
wirksame Fördermassnahmen betreffen alle Phasen des Kaufprozesses,
vom Wecken des Interesses via Lokalmedien und Veranstaltungen
über Probefahrten und Mietangebote bis hin zur Reduktion
von finanziellen Nachteilen. Mit dem Kauf hört die Notwendigkeit
der Unterstützung noch nicht auf: Weiterbildung von Fahrern
und Fachleuten sowie eine intensive Kundenbetreuung helfen mit,
das Image von LEM zu verbessern.
Die Meinung der Schweizer Bevölkerung
Eine repräsentative Umfrage im Sommer 1996 hat das grosse
Interesse der Schweizer Bevölkerung für das Thema LEM
bestätigt. 85% der Befragten stimmten der Aussage zu, LEM
seien wesentlich umweltfreundlicher als herkömmliche Autos.
Die Umfrage deckte allerdings auch zahlreiche Unsicherheiten und
Zweifel auf. Diese betreffen neben der Batterieproblematik vor
allem die Reichweite, den Energieverbrauch und das finanzielle
Risiko, das ein LEM-Käufer eingeht. 80% der befragten Schweizer
erachten es sinnvoll, LEM mit speziellen Massnahmen zu fördern,
in Mendrisio beträgt dieser Anteil sogar 93%.
Partnerschaft
Im Rahmen einer Partnerschaft zum Grossversuch haben sieben weitere
Gemeinden Fördermassnahmen für LEM eingeführt.
Diese Partnerschaft dient in erster Linie der optimalen Umsetzung
der Ergebnisse des Grossversuchs in Mendrisio auf die übrigen
Regionen der Schweiz. Daneben wird in diesen Partnergemeinden
die Übertragbarkeit der in Mendrisio evaluierten Massnahmen
geprüft. Auch in den Partnergemeinden werden Fahrzeugbeiträge
gewährt, wenn auch in bescheidenerem Umfang. Weitere Fördermassnahmen
sind Beratungsstellen, Ladestationen, Veranstaltungen mit Probefahrten
und LEM-Vermietungen.
Fazit
Die Zwischenbilanz nach zwei Jahren fällt positiv aus. Die
zahlreichen engagierten Akteure zeugen von einer breiten Abstützung
des Grossversuchs. Die Zufriedenheit der Versuchsteilnehmer sind
ein eindrücklicher Beweis für die Alltagstauglichkeit
der LEM. Dies betrifft auch die Reichweite, welche allgemein als
Schwachstelle der LEM bezeichnet wird; im Alltagseinsatz stellt
sich dieses Problem weit weniger als befürchtet. Bezüglich
der Wirkung der Fördermassnahmen liegen erste aufschlussreiche
Hinweise vor. Für eine fundierte Beurteilung ist die Datenbasis
noch zu schwach.
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